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Nachts

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Draußen, da war sie - die Nacht.

Ich liebe die Nacht und nach diesem Frühlingstag versprach die Nacht besonders schön zu werden. Ich wartete schon den ganzen Tage über sehnsüchtig darauf, dass es endlich dunkel werden und sich die Straßen leeren würden.

Nun zog ich die Jacke über, schritt mit großen Schritten den Flur hinunter und genoss, in der Stille, das Knarren der Dielenbretter unter meinen Schuhen. Ich legte meine Hand auf die Tür, spürte für einen Augenblick die Dunkelheit dahinter. Dann griff ich zum Schlüssel.

Er drehte sich, fasste im Schloss, der Riegel verzog sich langsam mit einem metallischen Schleifen aus dem Türrahmen und gab den Weg frei. Ich drückte den Knauf. Horchte noch einmal nach draußen, öffnete die Tür und ließ die Nacht hinein.

Kurz zuvor hatte es noch geregnet. Nun strich die klare, kühle Luft, die so frisch war wie sie nur in einer Frühlingsnacht sein konnte, über mein Gesicht. Und meine Lungen saugten sie begierig ein.

Im Türrahmen stehend blickte ich zum Himmel hoch. Die Regenwolken waren noch am Nachthimmel, doch sie lösten sich langsam auf. Ich konnte zwar noch nicht den Mond aber in einigen Lücken schon ein paar Sterne sehen.

Ich blickte die Straße hinauf und hinunter. Abgesehen von einigen parkenden Autos war sie leer. Und bis auf ein paar Fenster, die sich im schwarzen, feuchten Asphalt spiegelten, dunkel.

Die Straßenlaternen waren hier schon seit Jahren erloschen. Es ging abends sowieso niemand mehr raus. Vielleicht, weil es ihnen ohne Licht zu dunkel, zu unheimlich und still war oder weil sie ohnehin nicht in die Nacht hinausgegangen sind und die Laternen so überflüssig waren.

Mich zog es ins Zentrum der Stadt hinein. Während tagsüber die Straßen dahin von Autos und vollbesetzten Bussen überzogen waren, Menschen hastig auf den Gehsteigen entlang schritten, die Geschäfte ihre Auslagen nach draußen gestellt hatten, Kinder herum rannten und dabei gegen Passanten stießen, die gerade in die andere Richtung sahen oder sie einfach gar nicht wahrnahmen, sich Fahrradboten durch die stehenden Autos schlängelten und sich die Geigenklänge zweier Musikstudenten mit der ratternden Straßenbahn mischten waren sie nun fast leer. Die Luft roch sogar hier zum Zentrum hin gut.

Nein, nicht richtig gut, es war immer noch dieselbe Stadt. Aber die Luft war nicht stickig und stehend wie am Tage. Nun war sie kühl und der Benzingeruch, den einzelne Wagen hinterließen, angenehm. Jetzt strahlte er etwas von Geschwindigkeit statt Stillstand aus. Von aufheulenden Motoren, die Fahrt aufnahmen, von quietschende Reifen in der Kurve und dem anschließenden Tritt auf's Gaspedal zum Geschwindigkeitsrausch.

Ein Wagen rollte die Straße herunter, spritzte Wasser auf den Gehweg und riss mich so aus meinem Gedanken. Ich sah den Hecklichtern nach, die Bremslichter leuchteten wie zwei Augen auf, das Heck nickte mir zu, dann bog der Wagen ab.

Ich ging automatisch weiter. Weiter zum Zentrum der Stadt. Dort wo tagsüber am meisten los und nun alles leer war. Nachts sah es hier anders aus. Keine Menschen, kein Geschrei, eine große, breite, menschenleere Straße mit Blumenkästen an den Seiten und vereinzelten Zierbäumen in der Mitte, die tagsüber im Sonnenlicht klein und zierlich aussahen. Nun aber nur leicht vom Mond beleuchtet groß und unheimlich wirkten. Sie nahmen verschiedene sich ändernde Formen und Gestalten an und die rauschenden Blätter unterhielten sich miteinander.

Ich stand in der Mitte dieser Straße. Hatte die Augen geschlossen. Zog die Luft, die Nacht in mich hinein und hörte ihnen zu.

Plötzlich erklangen Schritte hinter mir. Irgendwer war aus einer anderen Straße in diese gekommen. Die Schritte waren ruhig aber fest.

Selbstbewusst, sicher mit erhobenen Kopf ging da wer hinter mir die Straße hinauf. Hin und wieder gab es ein leicht, rutschendes Geräusch, wenn sich ein paar nasse Sandkörner unter einem der Schuhe verirrten und in der nach vorne gehenden Bewegung des Körpers selbst nach hinten wegrollten.

Während ich mich auf die Schritte konzentrierte verschwand der Mond von einem Augenblick zum anderen hinter einer Wolke. Ich befand mich in fast völliger Dunkelheit. Und ich war nicht mehr allein auf der Straße. Ein Schauer ging durch meinem Körper, ich verkrampfte mich, atmete schneller, fing unwillkürlich an zu gehen, ja fast an zu laufen bis ich in den Lichtkegel eines der wenigen hier erleuchteten Schaufenster erreichte und erleichtert aufatmete.

Fast genau in der Mitte des Schaufensters blieb ich stehen, den Rücken zur dunklen Straße gekehrt, mein Gesicht im hellen Licht schaute ich ins Fenster und lauschte. Was im Schaufenster auslag nahm ich nicht weiter wahr. Ich wartete darauf, dass die Schritte lauter wurden. Sie wurden lauter, sie kamen näher und blieben dabei gleich ruhig, fast gleich ruhig.

Denn während sie hinter meinem Rücken vorbei ging verlangsamte sich ein einziger ihrer Schritte als sie ihren Kopf wandte und für einen Augenblick in meine Richtung schaute. Vielleicht hatte sie nicht nur meinem Rücken, sondern auch mein Spiegelbild im Schaufenster gesehen.

Ich blieb im Licht stehen und wartete einfach. Noch etwas unschlüssig drehte ich mich dann in ihre Richtung. Lauschte, ging weiter. Bis auf ihre und meine Schritte konnte ich nichts anderes hören. Die Bäume schwiegen. Vor mir sah ich ihre Silhouette im Mondschein. Plötzlich kam ihr Schatten rasch näher. Sie hatte noch nicht einmal ihren Kopf gedreht oder gar ihren Schritt beschleunigt als schon der zarte, leicht süße Geschmack ihres warmen Blutes über meine Zunge hinweg in den Rachen floß.

Ich ließ den Körper los. Das erstaunliche war, dass sie nie einfach so zur Erde fielen, sondern langsam wie in Zeitlupe sanft zu Boden in die Dunkelheit sanken und mit der Nacht verschmolzen.

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